Gemeinsam bringen wir die Sprache zur Sprache.

Mein Selbstverständnis

Und ich verstand, dass die Gabe oder die Gnade, weiträumig zu denken und in vielen Verbindungen, dass diese herrliche und einzig richtige Art gleichsam von vielen Flächen her die Welt anzuschauen, nur dem zuteil wird, der über seine eigene Erfahrung hinaus die in den Büchern aufbewahrte aus vielen Ländern, Menschen und Zeiten einmal in sich aufgenommen hat …  

(Aus Stefan Zweig, 1881–1941; Das Buch als Eingang zur Welt)

 

marie claire neuWenn „Erzählen“ ein ur-menschlicher Antrieb ist, der sich in Sprache äussert – dann ist der sprachliche Ausdruck das Werkzeug für des Menschen Verständnis von Welt und von Leben an sich. Die Welt wäre dann in einem Ur-Text vorweg genommen, der sich in unendlich erzählbaren Geschichten im Kleinen zeigt und sich immer wieder in unzähligen Varianten entwickeln oder wiederholen wird.  

Dieses Verständnis von Sprache und Erzählen hat sich mir während meines Studiums der italienischen und deutschen Literatur offenbart. Bücher, Literatur, Geschichten sind demnach eine Spielwiese für Möglichkeiten und Formen von Welt und Leben. Überschreitet man also die Schwelle der Fiktion, lässt sich erzählerisch alles durchspielen, alles denken und in Sprache fassen. Ein ungeheures Potenzial an Kreativität eröffnet sich. Dass erzählerische Literatur dieses Potenzial aber auch ausgeklügelt nutzt, war eine weitere Erkenntnis. Denn – so meinte eine Professorin – Literatur sei Kommunikation. Ein Modell kristallisierte sich für mich heraus, das literarische Erzählmodell (LEM). Und bald war der Gedanke da, dieses Modell nicht nur fürs Entstehen oder Analysieren von Geschichten zu nutzen, sondern ganz grundsätzlich zur Förderung von schriftlicher Kommunikation, zum Schulen von Schreibfertigkeiten bei Menschen aus dem Beruf.  

Ich wollte diesen Gedanken stärken, indem ich ein Nachdiplom in Unternehmenskommunikation an mein Studium anschloss. Dieser Nachdiplomkurs gab mir die nötige Sicherheit bei meinen Anstellungen in Unternehmen oder im Rahmen meiner selbständigen Tätigkeit, wenn es galt, die Verantwortung für kommunikative Aufgaben zu übernehmen. Ich lernte konzeptionell und an Textsorten ausgerichtet zu denken. Das eigentliche Entwickeln von empfängerorientierter Sprache und von entsprechenden Schreibfähigkeiten nahm in dieser beruflichen Weiterbildung aber wenig Raum ein. Auch andere Aus- oder Weiterbildungen, die das Erzählen in den Mittelpunkt des Förderns von Schreibfähigkeit stellten, fanden sich nicht. Es galt also wirklich, eine Nische zu füllen und ein eigenes Produkt zu entwickeln. Das literarische Erzählmodell (LEM) gab mir da die Vorlage für einen damals schweizweit einzigartigen Ansatz. Denn entlang dieses Modells lernt man, sich als Teil des Textes zu verstehen, die richtige Perspektive einzunehmen, die Sprachhöhe zu treffen, Varianten durchzuspielen und diese schliesslich so zu überarbeiten, dass der Text seine Wege in Richtung Lesende gehen kann.  

Aus der Begegnung mit dem logotherapeutischen Ansatz, den unterdessen Gabriele Clara Leist, eine meiner langjährigen Begleiterinnen im Schreiben und Erzählen, vertieft hatte, ergab sich so das Projekt „von tinte. lust. und einem geniestreich.“, ein 20-tägiges Seminar zur Förderung der Schreib- und Sprachkompetenz. Die darin unterrichtete Form des Erzählens, des Umgangs mit Sprache als Grundhaltung vermag über die kommunikativen Aspekte hinaus die schöpferische Kraft des Geistes zu stärken. Erfinden, mit Möglichkeiten spielen, Szenarien entwickeln, in der Was-wäre-wenn-Welt unterwegs sein, sind Fähigkeiten, die das Denken stärken. Gleichzeitig schärft man damit seine sprachlichen Fähigkeiten, seine Ausdruckskraft, letztlich seine Persönlichkeit.

In der Wissenschaftssprache ist ein klarer Ausdruck, eine geschärfte Darlegung seiner Gedanken unabdingbar. Nirgends zeigt sich der Zusammenhang von Denken und Schreiben direkter. Prägnante Texte überzeugen und stechen aus der Flut von Publikationen heraus. Daran arbeite ich im Moment, das erzählerische Potenzial von Sprache ins Unterrichten von wissenschaftlichem Schreiben einfliessen zu lassen. Ganz wichtig in diesem Zusammenhang ist es, den Studierenden die Prozesshaftigkeit des Schreibens – oder anders gesagt den Schreibprozess bewusst zu machen. Können sie sich entlang der einzelnen Schritte gut verorten und kennen sie entsprechende Schreibstrategien, dann vermeiden sie Schreibfrust und entwickeln ihre Fragestellungen, ihre Inhalte, letztlich ihr Denken, schreibend. Eine Gratwanderung oft – eine Arbeit, die immer wieder mal an Grenzen bringt, im Ur-Vertrauen auf Sprache als Ur-Werkzeug aber nie an ein Ende kommt.

 

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